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Marcus Held: Huldigung für einen Voodoo-Prinzen

Marcus Held
Screenshot von der Facebookseite von Marcus Held: Hier feiert er sein Treffen mit einem vermeintlichen König und Prinzen.

Der frühere Oppenheimer Stadtbürgermeister Marcus Held hat vergangene Woche erneut auf der Anklagebank Platz nehmen müssen: Sieben Stunden lang dauerte die Verhandlung in Saal 201 des Mainzer Landgerichts. Es geht um Betrug, Untreue, Bestechlichkeit und Verstöße gegen das Parteiengesetz: Der Prozess geht am nächsten Dienstag weiter, er wird noch Monate dauern, dem SPD-Bundestagsabgeordneten droht womöglich Gefängnis. 

Einen Tag später veröffentlichte Held morgens um 10 Uhr ein Foto auf seiner Facebookseite und schrieb dazu: 

„Es war mir eine besondere Freude, mit dem König in Ouidah und Prinz von Allada, Dr. h.c. Alain-Maurice Dah Bokpe, einen Austausch über die afrikanisch-europäischen Beziehungen und die Entwicklung seines Landes führen zu können.“

Alle Achtung! denkt da der Leser: Ein Prinz, der zugleich König ist, trifft sich mit Marcus Held! Wenn eine solche Persönlichkeit sich die Zeit nimmt, mit dem SPD-Politiker zu reden: Dann muss dieser Held noch immer ziemlich wichtig und einflußreich sein!

Doch Held trägt wohl wieder etwas sehr dick auf. Zur Wahrheit gehört: Der afrikanische „König“  betreibt seit vielen Jahren in Berlin-Tempelhof eine kleine Autowerkstatt. Er zeigt sich regelmäßig als schillernd wirkender Voodoo-Anhänger, und er offeriert im Internet teure Afrika-Reisen mit Reinigungsritualen und Orakeln. Nebenbei sammelt er hierzulande auch noch Spenden für eine Afrika-Stiftung: Das Geld möge man bittschön auf ein Konto in Afrika überweisen.

Sex sei für ihn, so war über ihn in einem Zeitungsbericht zu lesen, „ein wichtiger spiritueller Weg, den man die Mitmenschen lehren muss“.

Held spricht jetzt von einem „Würdenträger“ und befindet: „Wir benötigen noch mehr solcher engagierter Persönlichkeiten für die Verbindungen zwischen unseren Ländern und Kontinenten.“

Wir sind dem mal nachgegangen: Wer ist der Mann, der sich gerne mit „Seine Hoheit“ anreden lässt, eigentlich wirklich?

Eine schreckliche Begegnung mit dem Voodoo-Kult

Die wahre Geschichte des „Königs von Ouidah“ und „Prinzen von Allada“ findet sich in diversen Berliner Zeitungsberichten. Sie hat mit Helds pompöser Darstellung wenig gemein:

Der Mann war vor vierzig Jahren – 1981 – aus dem afrikanischen Benin in die damals noch existierende DDR gereist. Sein Name lautete schlicht: Maurice Bokpe – er hatte ein Stipendium bekommen und wollte in Gotha Ingenieurwesen studieren.

Auf einer Zugfahrt nach Ostberlin lernte er Annette aus dem thüringischen Dorf Tabarz kennen. Die beiden verlobten sich, wenig später kam eine Tochter zur Welt, es folgten Heirat, Umzug nach Ostberlin…

Kurz vor der Jahrtausendwende reisten Herr und Frau Bokpe in die Heimat des Mannes, wo sie eine Begegnung mit dem Voodoo-Kult hatten. Sie erzählten der Zeitung ”Der Tagesspiegel” davon, die prompt berichtete, es sei „etwas Schreckliches“ passiert:

Herr Bokpe sei in Benin von einem neidischen Onkel mit einem Voodoo-Fluch belegt worden. Er sei in Trance geraten und sehr aggressiv geworden. Erst eine Sekte habe ihn in tagelangen Zeremonien von seinem Bann befreien können. Ein Voodoo-Priester habe ihm dabei zugeflüstert, dass er eines Tages Prinz werde.

Das soll dann auch wirklich passiert sein: Der König von Allada meldete sich bei Herr Bokpe und ließ ihn in einem geheimen Voodoo-Ritual zum Prinzen küren. Woraufhin der glaubte – aber das hier wirklich nur am Rande –, er dürfe sich in Berlin der Vielweiberei hingeben, weil das schließlich die Prinzen in Benin auch tun. Seine Annette fand das gar nicht nett, trennte sich von ihm, schrieb ein Buch („Der Kuss des Voodoo“) und tingelte eine Weile als afrikanische Prinzessin durch die Medien.

Herr Bokpe wählte einen anderen Weg, seine Prinzen-Rolle zu versilbern. Neben seiner Autowerkstatt, die er noch heute im Berliner Bezirk Tempelhof betreibt, eröffnete er ein Reisebüro und offeriert „Reisen zur Wiege des Voodoo“. Eine Woche Benin kostet bei ihm knapp 3500 Euro, inbegriffen ist ein „Reinigungsritual mit einem Voodoo-Priester“ und eine „Analyse der Vergangenheit und Zukunft mit Hilfe von Orakeln“.

Gleichzeitig arbeitete er daran, seine Vita immer mehr aufzuhübschen. So lesen wir auf seiner Webseite heute: Schon als Kind wurde er eingeweiht und während seiner Kindheit in der Tradition des Voodoo gelehrt und ausgebildet. Das Ziel war es, ihn darauf vorzubereiten, später die Verantwortung für einen der größten Tempel der Religion Voodoo tragen zu können und die Pflege des Königtums zu übernehmen.“ 

Wollen wir seiner eigenen Darstellung Glauben schenken, dann machte ihn das Studium zum Diplomverkehrsingenieur, und schon wenig später soll Herr Bopke „angewandte Mathematik“ gelehrt haben. Das aber reichte dem Mann, der ja zu Höherem berufen sein sollte, natürlich nicht. „Er wendete sich nebenher zahlreichen anderen Gebieten zu, wie den Geisteswissenschaften und der Metaphysik, besonders jedoch der Astrologie und wurde in dieser Disziplin auch Meister-Astrologe eines großen deutschen Instituts“, heißt es über ihn auf seiner Webseite.

Und so geht es munter weiter in seinem Lebenslauf: „Er ist in unzähligen Bereichen der Wirtschaft, des Tourismus, des Bankwesens, des Technologietransfers, der Politik, der Religionslehre und nicht zuletzt der Diplomatie im Zusammenhang mit der Entwicklungsarbeit in Benin und anderen afrikanischen Ländern ehrenamtlich tätig.“ Er habe Firmen – Mehrzahl! – gegründet und sei heute in Europa und Afrika „Hauptrepräsentant mehrerer Wirtschaftsunternehmen“.

Konkreter wird Bokpe nicht, bei der Beschreibung seines Wirkens bleibt er im Nebulösen. Mit seinen Lebenserfahrungen berät er weltweit mehrere Unternehmen, Institutionen und Prominente der Kunst, Wirtschaft, Politik und Diplomatie.“ Dass er zudem aktiv die Diplomatie Afrikas … stark geprägt hat“, dürfte niemanden mehr verwundern.

Als Autor dieser seitenlangen Lobpreisung wird genannt: die „Pressesprecherin Seiner Majestät Dadah Bokpe Houézrêhouêkê“. Ihr Name steht unter dem Text: Ina-Josephine Bokpe, es dürfte eine von Bobkes Töchter sein.

Einen Titel hat sie natürlich auch: Sie nennt sich Prinzessin“.

Auf dieser Webseite wirbt Herr Bokpe als Prinz Dah Bokpe von Allada für Benin-Reisen incl. Begegnungen mit der Voodoo-Religion.

Das also ist der „Würdenträger“, mit dem sich Marcus Held zu einem Austausch über die afrikanisch-europäischen Beziehungen traf. Anfangs „nur“ ein Prinz, nennt sich Herr Bokpe heute „Dadah Bokpe Houézrèhouêkê, König zu Ouidah, Prinz von Allada”. Denn König will er mittlerweile auch geworden sein. Auf seiner Webseite ist zu lesen: „Im Jahr 2018 wurde er zusätzlich als König zu Ouidah und Chef der Dynastie Bokpe-Kpingla ernannt und geweiht.

In der Gegend scheinen Könige inflationär verbreitet zu sein, es gibt sogar eine „Vereinigung der gekrönten Oberhäupter“. Ehrenpräsident des Vereins ist, wenig überraschend, Herr Bokpe aus Berlin. Sagt er.

Königliche Hoheit mit eigener Stiftung und Autowerkstatt

Die meisten dieser Details sind, wie gesagt, in unterschiedlicher Ausschmückung in Berliner Zeitungen und auf Webseiten im Internet nachzulesen. Marcus Held fasst sie in seinem Facebook-Beitrag forsch so zusammenn:

„Der einer adligen Familie Benins entstammende Würdenträger studierte in der DDR und spricht ausgezeichnetes Deutsch. Mit seiner Stiftung und als Generalsekretär der Akademie der Diplomatie Afrikas begleitet er zahlreiche soziale und wirtschaftliche Projekte zwischen Afrika, Europa und Deutschland.“

Wohltönende Worte wie blühende Landschaften. Die Wahrheit dahinter sieht leider aus wie eine verdörrte afrikanische Steppe:

Dass ein Mann, der seit 40 Jahren in Berlin lebt, ausgezeichnetes Deutsch spricht, sollte nicht verwundern. Dass Held es ausdrücklich erwähnt, verrät kolonialistisches Denken. Oder wollte er etwa den Eindruck vermitteln, ein afrikanischer Herrscher sei eigens für ihn angereist?

Held behauptet, Herr Bokpe begleite mit seiner Stiftung zahlreiche soziale und wirtschaftliche Projekte. Der Faktencheck ergibt: Es existiert zwar eine „Fondation Prince Dah Bokpe d’Allada“ – oder genauer: Es findet sich im Internet eine Webseite mit diesem Namen. Dort ist die Unterseite „Unsere Projekte“ allerdings leer. Was Herrn Bokpe nicht hindert, weiterhin Spenden zu sammeln („Helfen auch Sie mit, die Leben der Mensch nachhaltig positiv zu verändern.“). Das Spendenkonto befindet sich bei einer Bank an der Elfenbeinküste. 

Generalsekretär der Akademie der Diplomatie Afrikas“ soll Herr Bokpe sein, schreibt Marcus Held. Der Faktencheck führt zur Webseite einer „Academie Diplomatique Africaine”. Die sieht aus wie selbst gebastelt. Im Impressum steht der Name von Herr Bokpe, der sich „S.A.R. Prince Dah Bokpe d’Allada“ nennt (S.A.R. ist die französische Abkürzung für „Seine königliche Hoheit“); als seine Adresse nennt er die Dederingstraße 21 in Berlin.

Die Dederingstraße 21 gibt’s tatsächlich. Es ist die Adresse der Autowerkstatt von Herrn Bokpe, und es ist zugleich die Anschrift seines Reisebüro („B & B Westafrikaspezialist Gesellschaft für internationalen Handel und Tourismus mbH“).

Screenshot von der Webseite, auf der Herr Bokpe seine Stiftung darstellt. Hier bittet er um Spenden, die man auf ein Bankkonto an der Elfenbeinküste überweisen soll.

Marcus Held: Es muss ihm ziemlich schlecht gehen

Wir wollen hier, das sei betont, keinesfalls afrikanische Bräuche und Riten bewerten und sie schon gar nicht kritisieren. Für die einen ist Voodoo eine Religion, andere sehen darin schwarze Magie: Das soll jeder für sich selbst herausfinden.

Doch wenn ein Voodoo-Stammesfürst aus einem über 5.000 Kilometer entfernten Land im folkloristischen Afrika-Kostüm und mit Elefanten-Zepter in der Hand posiert, wenn er sich Prinz und König nennt und damit Assoziationen zum europäischem Hochadel zu wecken versucht, dann hat das schon etwas sehr Burleskes.

Wenn dann ein Politiker, ein Bundestagsabgeordneter gar, diesen Mann in den Adelsstand erhebt und ihn als Persönlichkeit und Würdenträger feiert, grenzt das an Klamauk. Und die Frage stellt sich:

Marcus Held, einst ein durchaus angesehener Politiker: Warum gibt er sich dafür her?

Die Antwort ist vermutlich einfach: Seit die Kunde von seinem wüsten, teuren und oft selbstnützigen Treiben als rheinhessischer Stadtbürgermeister bis in die Bundeshauptstadt gedrungen ist, gilt Marcus Held als politischer Paria. Seine Partei hat sich von ihm abgewendet. Die wichtigen politischen Akteure, von denen einige früher gerne nach Oppenheim gekommen waren, lassen sich nur noch ungern mit ihm sehen, schon gar nicht fotografieren.

Im September dieses Jahres wird ein neuer Bundestag gewählt, Held wird ihm nicht mehr angehören. Was soll er dann machen?

Genau das ist sein Problem: Wer will noch mit einem Mann zu tun haben, dem rechtswidriges Handeln in Serie und persönliche Bereicherung bescheinigt wurden, der grundlegende Prinzipien seiner eigenen Partei verraten hat, dem vielleicht Gefängnis droht?

Um wenigstens ab und zu noch als wichtig wahrgenommen zu werden, postet Held jetzt Treffen mit einem Voodoo-Prinzen.

Es muss ihm ziemlich schlecht gehen.

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