6. Akt: Fake News made in Oppenheim

Das „Ron­do“ in Oppen­heim, der Sitz der Ver­bands­ge­mein­de. Von hier aus wer­den Infor­ma­tio­nen ver­brei­tet, die straf­recht­lich durch­aus rele­vant sein könn­ten.

Die Wahrheit ist das erste Opfer

Auf der Inter­net­sei­te des Deut­schen Bun­des­tags fin­det sich über den SPD-Abge­ord­ne­ten Mar­cus Held ein Halb­satz, der star­ke Sym­bol­kraft hat für all das, was die Men­schen in und um Oppen­heim der­zeit mit ihrer poli­ti­schen Füh­rung erle­ben:

Held sei, so steht da zu lesen, „seit 2004 Stadt­bür­ger­meis­ter, seit 2009 Ers­ter Bei­geord­ne­ter der Ver­bands­ge­mein­de Nier­stein-Oppen­heim…“

Das ist nicht ganz kor­rekt – wie so vie­les ande­re auch, was der­zeit an Infor­ma­tio­nen und Nach­rich­ten in Oppen­heim kur­siert. Fake News nennt man das neu­deutsch, was in dem rhein­hes­si­schen Städt­chen sogar von offi­zi­el­len Stel­len ver­brei­tet und sodann von den Medi­en unge­prüft wei­ter­ge­ge­ben wird, absicht­lich ver­brei­te­te Falsch-Nach­rich­ten also, die nur einen Sinn erge­ben: Sie sol­len vom Fall Mar­cus Held und den Geschäf­ten des Stadt­bür­ger­meis­ters ablen­ken, die von anony­men Autoren in einem Dos­sier auf­ge­deckt wur­den.

Die Wahr­heit ist, wie so oft, auch im Oppen­heim-Skan­dal das ers­te Opfer. Und dar­an wirkt an vor­ders­ter Front neben dem Haupt­be­tei­lig­ten Mar­cus Held auch sein Par­tei­freund und Ver­bands­ge­mein­de­chef Klaus Pen­zer mit.

Eine bittere Niederlage vor Gericht

Wir müs­sen, um die wah­ren Abgrün­de der aktu­el­len Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne bes­ser erken­nen zu kön­nen, ein wenig aus­ho­len:

Mar­cus Held, der Oppen­hei­mer Stadt­bür­ger­meis­ter, war tat­säch­lich mal, wie in sei­ner Bun­des­tags-Bio­gra­phie nach­zu­le­sen ist, Ers­ter Bei­geord­ne­ter der Ver­bands­ge­mein­de Nier­stein-Oppen­heim. Die aber gibt’s nicht mehr, sie ging 2014 in die neue Ver­bands­ge­mein­de Rhein-Selz auf, womit Held sei­nen Job los war.

Der auf­stre­ben­de Jung­po­li­ti­ker woll­te damals unbe­dingt wei­ter­ma­chen, und auch Klaus Pen­zer, der Bür­ger­meis­ter der alten wie der neu­en Ver­bands­ge­mein­de, hät­te sei­nen Par­tei­freund ger­ne als Stell­ver­tre­ter behal­ten. Das Pro­blem: Von Rechts wegen stand der Job dem CDU-Mann Micha­el Stork zu.

Held erkann­te die Aus­sichts­lo­sig­keit sei­ner Kan­di­da­tur gera­de noch recht­zei­tig: Er ver­zich­te­te im letz­ten Augen­blick. Die loka­le Zei­tung schrieb damals von einem „über­ra­schen­den Rück­zug“ und nann­te als sei­ne Begrün­dung, was ange­sichts der unzäh­li­gen Ämter und Pos­ten des Poli­ti­kers heu­te recht bur­lesk klingt: Er, Held, wol­le nicht den Ein­druck erwe­cken, alle wich­ti­gen Pos­ten an sich zu rei­ßen.

Klaus Pen­zer jedoch woll­te bei der Aus­wahl sei­nes Stell­ver­tre­ters nicht so schnell bei­geben. Er ver­such­te sogar wider­recht­lich, die Posi­ti­on von Stork zu unter­gra­ben: Er nahm ihm den Titel „Ers­ter Bei­geord­ne­ter“ und stuf­te ihn auch finan­zi­ell her­un­ter.


Oppenheim: Kein Geld, aber hohe Repräsentationskosten


Die „All­ge­mei­ne Zei­tung Lands­kro­ne“ hat letz­tens die kom­mu­na­len Finan­zen der bei­den Kom­mu­nen Nier­stein und Oppen­heim ver­gli­chen, die Ende 2009 fast gleich­auf lagen. Das Ergeb­nis ist inter­es­sant:


Nier­stein (8200 Ein­woh­ner) bau­te sei­ne Kas­sen­kre­di­te stark ab – auf 1,8 Mil­lio­nen. Steu­ern muss­ten dafür nur gering­fü­gig erhöht wer­den. Man habe Bau­ge­bie­te aus­ge­wie­sen, die Infra­struk­tur ver­bes­sert, inten­siv Zuschüs­se ein­ge­holt – und mas­siv gespart, sag­te Stadt­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gün­ther (CDU) der Zei­tung.


In Oppen­heim (7300 Ein­woh­ner) stie­gen dage­gen die Kas­sen­kre­di­te im glei­chen Zeit­raum auf 16,3 Mil­lio­nen Euro. Grund- und Gewer­be­steu­er wur­den zwar erhöht, aber Ein­spar­po­te­nia­le gebe es kaum, wird Stadt­bür­ger­meis­ter Held zitiert. Sein Vor­schlag: „Bei hoch­ver­schul­de­ten Kom­mu­nen müss­te so etwas wie ein Schul­den­schnitt ange­dacht wer­den.“


Die Stadt Oppen­heim erhöh­te in ihrem Etat 2017 die Aus­ga­ben für ihre drei Bei­geord­ne­ten (pro Monat je 801 Euro), drei Beauf­trag­ten (450 Euro) und für den Stadt­bür­ger­meis­ter (2186 Euro) auf nun­mehr 94.000 Euro. Für Reprä­sen­ta­tio­nen wur­den vor zwei Jah­ren noch rund 9000 aus­ge­ge­ben; in die­sem Jahr ste­hen dafür 20.000 Euro bereit.


Nicht zuletzt leis­tet sich die Stadt – was für Städt­chen die­ser Grö­ße schon mehr als unge­wöhn­lich ist – einen Mit­ar­bei­ter für Pres­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit, Mar­ke­ting, Online. Mit der Pres­se spre­chen darf der Mann aber nicht, das behält sich Mar­cus Held aus­drück­lich vor, wes­halb er die Job­be­schrei­bung sei­nes Mit­ar­bei­ters prä­zi­siert: Der sei kein Pres­se­spre­cher; son­dern „ein Mit­ar­bei­ter, der Pres­se macht und über das, was die Stadt tut, berich­tet, zum Bei­spiel auf der Home­page“.


Der CDU-Mann klag­te dage­gen vor Gericht und setz­te sich am Ende durch – eine mehr als pein­li­che Schlap­pe für das Duo Penzer/Held. Stork, der Ers­te Bei­geord­ne­te, gilt seit­her als der meist gehass­te CDU-Mann unter den SPD-Gran­den in Oppen­heim und Umge­bung. „Er hat es gewagt, Pen­zer und Held Paro­li zu bie­ten. Das haben sie ihm nie ver­zie­hen“, sagt ein Ken­ner der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Sze­ne­rie in Rhein­hes­sen.

Mit die­sem klei­nen Exkurs in die jün­ge­re Ver­gan­gen­heit nähern wir uns einer Erklä­rung für die feh­ler­haf­te Bun­des­tags-Mel­dung: Hier dik­tier­te wohl der Wunsch die For­mu­lie­rung im Lebens­lauf. Dar­über hin­aus darf man sie sicher auch als Aus­druck eines tief sit­zen­den Schmer­zes über die dama­li­ge poli­ti­sche Schlap­pe wer­ten: Inzwi­schen belus­ti­gen sich selbst Held-Freun­de dar­über, dass das Gefühl uner­füll­ten beruf­li­chen Stre­bens bei dem Berufs­po­li­ti­ker noch immer der­art drän­gend sei, dass es über eine feh­ler­haf­te bio­gra­phi­sche Notiz hin­aus bis in das kom­mu­nal­po­li­ti­sche Leben der Stadt Oppen­heim hin­ein wirkt, und zwar stär­ker denn je:

Ein Scheiterhaufen vor dem „Rondo“

Als jetzt das Dos­sier publik wur­de, in dem mit Papie­ren aus dem Oppen­hei­mer Rat­haus und aus der Ver­wal­tung der Ver­bands­ge­mein­de dem Stadt­bür­ger­meis­ter dubio­se Geschäfts­tä­tig­kei­ten unter­stellt wer­den, leg­ten Held und Pen­zer an – und nah­men ihren „Lieb­lings­feind“ (ein SPD-Stadt­ver­ord­ne­ter) ins Visier. Der Ver­wal­tungs­be­am­te Stork bekam kurz vor Tores­schluss – sei­ne Amts­zeit läuft Ende Juni die­ses Jah­res aus – eine geball­te Ladung ver­ba­len Schrots ab.

Klaus Pen­zer über­schüt­te­te sei­nen Stell­ver­tre­ter zudem öffent­lich mit einer Brü­he aus Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und Fake News, dass selbst der „All­ge­mei­nen Zei­tung Lands­kro­ne“ – die gemein­hin als ziem­lich Bür­ger­meis­ter-freund­lich ein­ge­stuft wird – rich­tig übel wur­de:

Die poli­ti­sche Klas­se von der Ver­bands­ge­mein­de Rhein-Selz gibt der­zeit ein erschre­cken­des Bild ab“, notier­te der loka­le Chef­kom­men­ta­tor Ulrich Gerecke unter der Über­schrift „Ver­gif­tet“. Hin­ter jeder Aus­sa­ge „steckt poli­ti­sches Kal­kül, es geht um Deu­tungs­ho­heit und Macht­fra­gen. (…) Das Kli­ma ist hoff­nungs­los ver­gif­tet, der Poli­tik­be­trieb kreist fast nur noch um sich selbst, und der nor­ma­le Bür­ger dürf­te über all das nur noch den Kopf schüt­teln“.

Man kann’s dem Redak­teur nicht ver­den­ken, dass er recht unkon­kret blieb und kei­ne Namen nann­te: Er muss mit den Haupt­prot­ago­nis­ten des Oppen­heim-Skan­dals ver­mut­lich noch eini­ge Zeit zusam­men­le­ben, da scheint Zurück­hal­tung nicht unan­ge­bracht. Aus der War­te des unab­hän­gi­gen Beob­ach­ters ist es alle­mal leich­ter, die Fak­ten zu benen­nen:

Klaus Pen­zer war’s, der sich als Inqui­si­tor von Oppen­heim betä­tig­te und vor sei­nem Ver­wal­tungs­ge­bäu­de einen Schei­ter­hau­fen aus Anwür­fen und Unter­stel­lun­gen errich­te­te, um den miss­lie­bi­gen Stell­ver­tre­ter am Ende von des­sen Dienst­zeit öffent­lich hin­zu­rich­ten:

Er ließ über die „All­ge­mei­ne Zei­tung“ ver­brei­ten, das eigent­lich nur drei Per­so­nen aus sei­ner Ver­wal­tung für die Ver­brei­tung des Dos­siers – und damit für eine ver­meint­lich straf­recht­lich rele­van­te Ver­öf­fent­li­chung behör­den­in­ter­ner Papie­re – in Fra­ge kämen. Dann nann­te er aber nur einen Namen: Den sei­nes Stell­ver­tre­ters. Micha­el Stork.

Auf Nach­fra­gen des Zei­tungs­re­dak­teurs muss­te der Chef der Ver­bands­ge­mein­de ein­räu­men, dass er für sei­ne Behaup­tung kei­ner­lei Bewei­se habe. Viel­mehr gebe es nur „Mosa­ik­stei­ne für einen Ver­dacht“. Und, immer­hin, zwei Zeu­gen, die gese­hen hät­ten, dass Stork am Kopie­rer gestan­den habe…

Auf Grund einer solch dün­nen Ver­dachts­la­ge einen Mit­ar­bei­ter öffent­lich zu brand­mar­ken, ist, wie die „All­ge­mei­ne Zei­tung“ kor­rekt erkann­te, „ein in der rhein­land-pfäl­zi­schen Kom­mu­nal­po­li­tik ein­ma­li­ger Vor­gang“; der Redak­teur hät­te auch schrei­ben kön­nen: in der deut­schen Nach­kriegs-Ver­wal­tungs­ge­schich­te. Pen­zer hat­te mit der öffent­li­chen Nen­nung eines Namens den nor­ma­len Gang von Ermitt­lun­gen ver­las­sen und sich, wie­der ein­mal, in recht­li­ches Abseits manö­vriert: Sei­ne Äuße­run­gen dürf­ten einer Vor­ver­ur­tei­lung gleich­kom­men – was den Ver­dacht einer fal­schen Ver­däch­ti­gung und vor­sätz­li­chen Ver­leum­dung nahe­legt, und was dann auch ein kras­ser Ver­stoß gegen die Für­sor­ge­pflicht wäre, zu der jeder Dienst­vor­ge­setz­te recht­lich ver­pflich­tet ist.

Ange­sichts des juris­tisch äußerst heik­len Ver­hal­tens von Stork-Chef Pen­zer macht sich sogar die Zei­tung Sor­gen um den Mann: Der gehe das Risi­ko ein, ver­klagt zu wer­den, schrieb sie.

Stork bleibt trotz der­ar­tig schwe­rer Anma­che – zumin­dest äußer­lich – bemer­kens­wert ruhig. Er wol­le nicht mehr gegen sei­nen Vor­ge­setz­ten kla­gen, sagt er, er sei des juris­ti­schen Strei­tens über­drüs­sig, und sei­ne Zeit in der Ver­bands­ge­mein­de sei ja auch bald um. Er sehe in Pen­zers Atta­cken eine „ver­such­te Aus­boo­tung und poli­ti­sche Aus­gren­zung“, auch einen Rache­akt, weil er damals sein gutes Recht vor Gericht gegen den Ver­wal­tungs­chef erstrit­ten habe.

Von einer „Hexen­jagd“ in Pen­zers Ver­wal­tung spricht unter­des­sen Rai­mund Darm­stadt, einer der letz­ten laut­star­ken Wider­sa­cher gegen die loka­le SPD-Herr­schaft. Der AL-Rats­herr will in der Ver­wal­tung der Ver­bands­ge­mein­de „ein uner­träg­li­ches Kli­ma von Angst und Ver­däch­ti­gung“ aus­ge­macht haben.

Der „Fall Klaus Pen­zer“ schreck­te nicht zuletzt die loka­le CDU auf. Die Par­tei, die in Oppen­heim ange­sichts ihrer inne­ren Zer­strit­ten­heit kaum noch als poli­ti­sche Kraft aus­zu­ma­chen ist und ihr Heil in einer völ­lig sinn­frei­en Rat­haus-Groß­ko­ali­ti­on (SPD: 12 Man­da­te, CDU: 5, AL: 5; Stand Anfang Juni 2017) sucht, raff­te sich, immer­hin, zu der Erkennt­nis auf: „Seit Tagen wer­den hier Neben­kriegs­schau­plät­ze insze­niert, um vom eigent­li­chen Sach­ver­halt abzu­len­ken.“

Das, so darf man ver­mu­ten, ist tat­säch­lich der wah­re Hin­ter­grund der aggres­si­ven Ruf­mord-Kam­pa­gne: Hier soll mit aller Gewalt abge­lenkt wer­den vom Oppen­heim-Skan­dal, vom Fall Mar­cus Held:

Ange­sichts der in dem Dos­sier auf­ge­zeig­ten Ver­dachts­mo­men­te gegen den Stadt­bür­ger­meis­ter, die mit zahl­rei­chen Behör­den­do­ku­men­ten unter­mau­ert wer­den, könn­ten die Ver­ant­wort­li­chen in Par­tei und Ver­bands­ge­mein­de wie auch in der Pres­se ja mal fra­gen: Was läuft da wirk­lich ab im Oppen­hei­mer Rat­haus? Was sind das für dubio­se Ver­trä­ge, die Mar­cus Held abzeich­net und die der Stadt viel Geld kos­ten?

Und auch: Was ver­an­lasst einen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten der SPD, sich als Stadt­bür­ger­meis­ter dem schwer­wie­gen­den Ver­dacht aus­zu­set­zen, dass er die Stadt­kas­se plün­de­re?

Es sind Fra­gen, die einer Par­tei schmer­zen. Aber die Ant­wor­ten hät­ten viel­leicht einen Hei­lungs­pro­zess ansto­ßen kön­nen.


Klaus Penzer: Ich sage nichts


Klaus Pen­zer, der Bür­ger­meis­ter der Ver­bands­ge­mein­de, will kei­ne Stel­lung­nah­me zum Oppen­heim-Skan­dal abge­ben. Vom Autor die­ser Web­sei­te bekam er einen aus­führ­li­chen Fra­gen-Kata­log zuge­sandt mit der Bit­te um Beant­wor­tung bis zum 19. Mai. Pen­zer schrieb zurück, was etwas ver­wir­rend und wohl auch ver­wirrt klang: Er habe den Jour­na­lis­ten mit einem Oppen­hei­mer Bür­ger gese­hen, „Sie ver­ste­hen, dass mir die Serio­si­tät und Ver­trau­ens­wür­dig­keit von Jour­na­lis­ten sehr wich­tig ist“.


Ant­wor­ten schick­te er, trotz erneu­ter Bit­te, kei­ne. Die Frist zur Beant­wor­tung ließ Pen­zer ver­strei­chen – wohl kaum aus Zeit­grün­den: Am sel­ben Tag infor­mier­te er einen Redak­teur der „All­ge­mei­nen Zei­tung“ aus­führ­lich dar­über, dass eine inter­ne Unter­su­chung Indi­zi­en zuta­ge geför­dert habe: Der Kreis der ver­däch­ti­gen Per­so­nen, die behör­den­in­ter­ne Unter­la­gen aus sei­ner Ver­wal­tung für das Dos­sier her­aus­ge­ge­ben hät­ten, kön­ne „erheb­lich ein­ge­schränkt“ wer­den. Drei Per­so­nen stün­den laut Pen­zer im Fokus, er nann­te der Zei­tung nur einen: Micha­el Stork, sei­nen Stell­ver­tre­ter.


Auf eine tele­fo­ni­sche Nach­fra­ge, wann mit der Beant­wor­tung der Fra­gen gerech­net wer­den kön­ne, reagier­te Pen­zer end­gül­tig abwei­send: Er sage nichts, weil er nicht wis­se, wie das anschlie­ßend aus­ge­legt wird. „Wenn hier was posi­tiv läuft, dann inter­es­siert sich kei­ne Sau dafür. Aber wenn was Nega­ti­ves zu ver­öf­fent­li­chen ist, dann wird in den Krü­meln gesucht.“ Er habe jetzt den Rech­nungs­hof im Haus, den Daten­schüt­zer, „ich habe auch noch mei­ne nor­ma­le Arbeit – da habe ich kei­ne Zeit für Fra­gen. Ich war­te das Ergeb­nis des Rech­nungs­ho­fes ab, und dann wer­den wir in den Gre­mi­en bera­ten, wie das zu bewer­ten ist.“


Eine letz­te Nach­fra­ge war noch mög­lich: Er habe den Namen Micha­el Stork genannt, den Mann damit kon­kret beschul­digt…


Pen­zer reagier­te äußerst unwirsch: „Ich habe nie­man­den beschul­digt, ich habe nur Indi­zi­en genannt, und wie man das aus­legt, ist nicht mein Pro­blem.“ Er habe nichts gegen Stork, aber der Mann sei Sach­be­reichs­lei­ter, und wenn aus des­sen Bereich Unter­la­gen an die Öffent­lich­keit kom­men (Pen­zer: „Gut, nicht alle, aber 15 von 20“), dann müs­se er dafür gera­de ste­hen.


Die Ente vom enttarnten Anonymus

Allein, die Fra­gen wer­den nicht gestellt. Statt­des­sen konn­te Mar­cus Held sei­ne Gegen­of­fen­si­ve star­ten – mit Unter­stüt­zung der loka­len Medi­en:

Der ers­te Bericht, den die orts­an­säs­si­ge „All­ge­mei­ne Zei­tung Lands­kro­ne“ über den Oppen­heim-Skan­dal brach­te, war weni­ger dem Inhalt des Dos­siers geschul­det. Der Stadt­bür­ger­meis­ter hat­te den Arti­kel initi­iert, Held sei „über die­se Zei­tung selbst an die Öffent­lich­keit“ gegan­gen, schrieb das Blatt. Die Redak­ti­on bedank­te sich im Gegen­zug für ein der­ar­ti­ges Ent­ge­gen­kom­men mit der mit­füh­len­den Head­line: „Jemand will mich zer­stö­ren“.

Eine Woche spä­ter ließ sich der Redak­teur des „Nibe­lun­gen Kurier“ mit Mar­cus Held auf einem Sofa ablich­ten und schlag­zeil­te, ganz im Sin­ne des SPD-Poli­ti­kers: „Ganz klar eine poli­ti­sche Atta­cke“. Hier tat Held kund, dass die wah­ren Täter nun­mehr iden­ti­fi­ziert sei­en, und der Redak­teur fabu­lier­te mun­ter wei­ter, dass der Stadt­bür­ger­meis­ter jetzt Anzei­ge „gegen den nun ent­tarn­ten Anony­mus“ erstat­ten wol­le.

Das wie­der­um griff die „All­ge­mei­ne Zei­tung“ auf, die unter der Über­schrift „Bür­ger­meis­ter Held kämpft gegen anony­me Anschul­di­gun­gen“ ziem­lich exklu­siv berich­te­te: „Unan­ge­neh­me Post dürf­ten in den kom­men­den Tagen zwei Rhein­hes­sen erhal­ten: Sie könn­ten hin­ter den anony­men Vor­wür­fen gegen den SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Mar­cus Held ste­cken“. Held wol­le Anzei­ge erstat­ten, „doch zunächst sol­len die zwei Per­so­nen von Helds Anwalt gehört wer­den“.

Die Wahr­heit ist: Das waren Fake News made in Oppen­heim. Fabri­ziert ganz offen­sicht­lich von Mar­cus Held in Koope­ra­ti­on mit den loka­len Zei­tun­gen. Denn Fakt ist: Bis heu­te gibt’s kei­nen ein­zi­gen kon­kre­ten Hin­weis auf die anony­men Autoren des Dos­siers

Wohl des­halb hat Mar­cus Held auch inzwi­schen beim The­ma „Ent­tar­nung“ den geord­ne­ten Rück­zug ange­tre­ten. Als ihm der Autor die­ser Web­sei­te die Fra­ge stell­te: „Die All­ge­mei­ne Zei­tung schrieb unlängst, Sie wür­den über einen Anwalt Straf­an­zei­ge vor­be­rei­ten wegen Ver­leum­dung etc. Ist das inzwi­schen gesche­hen – und wenn ja: Kön­nen Sie etwas mehr dazu sagen?“ ant­wor­te­te er: „Nach Rück­spra­che mit mei­nem Anwalt möch­ten wir hier­zu aktu­ell kei­ne Stel­lung­nah­me abge­ben.“

Nach dem GAU kam das Erdbeben

Inzwi­schen wur­de ja auch eine neue Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie ent­wi­ckelt: Nicht mehr die angeb­li­chen Ver­stö­ße Helds wer­den the­ma­ti­siert. Viel­mehr wird nur noch der Umstand ange­pran­gert, dass jemand – ein Straf­tä­ter! – die Behör­den­pa­pie­re an die Öffent­lich­keit gebracht habe. In der Oppen­hei­mer Pres­se gibt’s seit­her kei­nen „Fall Held“ mehr. Viel­mehr kon­zen­triert sie sich in ihrer Bericht­erstat­tung auf das Leck in der Ver­bands­ge­mein­de: „VG Leak“ – das scheint den Lokal­re­dak­teu­ren der wah­re Skan­dal zu sein!

Der GAU droht“, über­schrieb die Zei­tung Ende April einen Kom­men­tar. Der „veri­ta­ble Tief­punkt“, den der Redak­teur aus­ge­macht hat­te, sei, dass „sen­si­ble Daten aus der VG-Ver­wal­tung her­aus­ge­langt oder gar gezielt ver­brei­tet wor­den sind“. Das wäre nicht nur ein Fall für den Staats­an­walt: „Es wäre eine Kata­stro­phe in Sachen Ver­trau­en in Poli­tik und Behör­den“.

Acht Tage spä­ter, am 4. Mai, war der GAU offen­bar pas­siert: „Erd­be­ben“ lau­te­te jetzt die Kom­men­tar-Über­schrift. Vor­sätz­lich sei­en Grund­stücks­ver­trä­ge und ande­re sen­si­ble Daten „durch­ge­sto­chen“ wor­den, schrieb der Redak­teur, „das habe „das Poten­zi­al, ein poli­ti­sches Erd­be­ben aus­zu­lö­sen“. Er nann­te auch die Fra­ge, die sei­ner Mei­nung nach die Men­schen in Oppen­heim jetzt umtrei­be: „Sind die Daten der Bür­ger bei der VG noch sicher?“

Das gefällt, davon kann man aus­ge­hen, den Ent­schei­dern in Rat­haus und Ver­bands­ge­mein­de, wo inzwi­schen der Satz die Run­de macht: „Die Whist­leb­lo­wer kön­nen sich nur noch einen Strick neh­men – oder müs­sen aus­wan­dern.“

Wer soll­te sie auch stop­pen, die Macher von Oppen­heim? Etwa die so genann­te „vier­te Gewalt im Staa­te“, die Jour­na­lis­ten bei der loka­len Zei­tung? Wohl kaum:

Weinbruderschaft mit dem Chefredakteur

Mar­cus Held wer­den sehr gute Kon­tak­te in die Redak­ti­on der „All­ge­mei­nen Zei­tung“ nach­ge­sagt, nicht von unge­fähr: Er war aus­weis­lich sei­nes Lebens­laufs jah­re­lang als frei­er Mit­ar­bei­ter in der Redak­ti­on tätig. Das ver­bin­det.

In dem Dos­sier heißt es – und wird mit Rech­nungs­ko­pi­en belegt –, dass die Stadt Oppen­heim allein im letz­ten Jahr für weit mehr als 30.000 Euro Anzei­gen in den Blät­tern des Rhein-Main-Ver­lags geschal­tet habe, zu dem auch die „All­ge­mei­ne Zei­tung“ gehört. Im dar­ben­den Zei­tungs­ge­schäft leg­te sich heut­zu­ta­ge kein Redak­teur mehr mit einem sol­chen Kun­den an, schon gar nicht, wenn die­ser über exzel­len­te Dräh­te bis in die obers­te Redak­ti­ons­spit­ze ver­fügt:

Letz­tens erschien in der „All­ge­mei­nen Zei­tung“ der Arti­kel „Wein­bru­der­schaft Rhein­hes­sen heißt acht neue Mit­glied will­kom­men“. Danach gehört jetzt auch Mar­cus Held die­sem exklu­si­ven Netz­werk von Unter­neh­mern, Man­dats­trä­gern und sons­ti­gen Mul­ti­pli­ka­to­ren an.

In der Auf­zäh­lung der neu­en Mit­glie­der tauch­te zudem der Name Fried­rich Roeingh auf. Also auch er, der Chef­re­dak­teur der „All­ge­mei­nen Zei­tung“, hat sich die schwarz-gel­be Kra­wat­te der Bru­der­schaft umge­bun­den. Wein­se­li­ge Nähe scheint ihm selbst in die­sen bri­san­ten Zei­ten der loka­len GAUs und Erd­be­ben wich­ti­ger zu sein als gesun­de jour­na­lis­ti­sche Distanz.

Und spä­tes­tens seit Erschei­nen die­ses Arti­kels steht kaum zu erwar­ten, dass ein Redak­teur der „All­ge­mei­nen Zei­tung“ die neue Bru­der­schaft zwi­schen Chef­re­dak­teur und Stadt­bür­ger­meis­ter mit kri­ti­scher Bericht­erstat­tung all­zu sehr belas­ten wird.

9 Gedanken zu „6. Akt: Fake News made in Oppenheim

  1. Klaus Tungel Antworten

    Ich bin kein Oppen­hei­mer!!!

    Ich woh­ne seit 1995 in Oppen­heim und wenn die o.g. Beschrei­bun­gen der Machen­schaf­ten von Herrn Held und Herrn Pen­zer kor­rekt recher­chiert sind, sind die­se Her­ren eine Schan­de für die­ses schö­ne Städt­chen.

    Bei der nächs­ten Gele­gen­heit abwäh­len, das ist die ein­zi­ge Chan­ce sol­chen Men­schen zu zei­gen dass Sie Kon­se­quen­zen für ihr Han­deln und ggf. lehr­sa­me Erfah­run­gen aus Ihrem Ver­hal­ten zie­hen kön­nen.

    Unwahr­schein­lich ist, dass eine Ein­sicht und somit eine poli­ti­sche Weit­sicht und Kor­rekt­heit, ohne ein deut­li­ches Zei­chen der Wäh­ler ein­tritt, da bis­lang der ein­ge­schla­ge­ne Weg schein­bar erfolg­reich war.

    Ich bin „Kir­ner“ und hof­fe in Zukunft nicht mehr sagen zu müs­sen „Ich bin kein Oppen­hei­mer“

    Mit freund­li­chen Grü­ßen

    Klaus Tun­gel

  2. Flegar Antworten

    Ich gehe davon aus, dass die­ser Wahn­sinn um die poli­ti­sche Füh­rung von Oppen­heim und der Ver­bands­ge­mein­de wahr sein muss.
    Andern­falls wür­den Held und/oder Pen­zer eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen­über der Web­site anstren­gen. Das machen sie aber nicht, weil sie wahr­schein­lich fürch­ten, in einem Rechts­streit wür­den alle Unge­reimt­hei­ten inten­siv und über­re­gio­nal auf­ge­deckt wer­den.

    In Sachen „VG Leak“ kann ich ledig­lich Kurt Tuchol­sky zitie­ren:
    „In Deutsch­land gilt der­je­ni­ge, der auf den Schmutz hin­weist, für viel gefähr­li­cher als der­je­ni­ge, der den Schmutz macht.“

  3. Bin ja wieder ich Antworten

    Und auch: Was ver­an­lasst einen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten der SPD, sich als Stadt­bür­ger­meis­ter dem schwer­wie­gen­den Ver­dacht aus­zu­set­zen, dass er die Stadt­kas­se plün­de­re?“

    Das ist eine hoch­in­ter­es­san­te Fra­ge. Per­sön­li­che peku­niä­re Berei­che­rung wohl kaum. Das kann fast nur mit Macht­stre­ben beant­wor­tet wer­den – wobei in der unre­flek­tier­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit die bereits „erwor­be­nen“ Posi­tio­nen ein­ge­setzt wer­den. Und dann wird es dünn­ei­sig. Selbst wenn der Deal mit Men­ger noch halb­wohl­wol­lend mit „Gschmäck­le“ trotz Magen­grim­men ver­bucht wer­den könn­te … obwohl, aus mei­ner Sicht geht das gar nicht. Zwei Ehren­bür­ger machen einen Deal und der Bür­ger­meis­ter nickt …

    In der Sum­me sind zu vie­le Gschmäck­le nicht zu gou­tie­ren. Aber trotz­dem .… abwar­ten, was die Prü­fun­gen erge­ben.

  4. Bin ja wieder ich Antworten

    Zusatz: er will ganz groß, denkt, dass er es kann und ver­strickt sich dar­in. Bös­ar­tig, plün­dern usw, das glau­be ich nicht. Ich war ganz froh, einen Bür­ger­meis­ter zu haben, der sich für alles begeis­tert und was machen will. Aber wenn das alles stimmt, was Sie schrei­ben, hät­ten ihn die ande­ren damals brem­sen müs­sen. War nicht Herr Darm­stadt – von der AL – und die ande­ren Stadt­rä­te bei allem jah­re­lang dabei? Und jetzt wird Mar­cus Held geschlach­tet? Das fin­de ich auch nicht gut. Dass man ihn mal ein­bremst, ok.

  5. E.G. Antworten

    Als hät­te unser Schwimm­bad Beauf­trag­ter nicht gera­de genug um die Ohren…
    Jetzt geht auch noch der Hub­bo­den ( zum fünf­ten mal) kap­put.

    Kann mich jemand auf­klä­ren was es mit der jähr­li­chen Buchung der 300.000,00 Euro als Plus für das Schwimm­bad, aus Rück­zah­lung von der Was­ser­ver­sor­gung auf sich hat.
    Wie ist die­se Kom­pen­sa­ti­on zu ver­ste­hen?

    Oder habe ich da etwas über­le­sen?

      • jmc Antworten

        Tim,

        aber viel mit der SPD, ihrer spe­zi­el­len Basis, dem Pro­gramm, den vie­len schwa­chen Kan­di­da­ten, den Günst­lin­gen, den Abzo­ckern und wo man den „Hel­den“ ein­glie­dern kann, wird sich dann auch noch her­aus­stel­len. Tim, mehr lesen, mehr den­ken, weni­ger Unqua­li­fi­zier­tes in den Raum wer­fen.

        • Tim Antworten

          hier geht es um die Schwei­ne­rei­en von Held und nichts anders. Und genau das ist laut Anony­mous der Grund für die 16 Pro­zent, denn ich lese nichts vonS­vhulz, Nah­les, rumei­ern bei der Gro­ko etc. Ist es aber nicht, denn Held ist bun­des­weit ein viel zu klei­nes Sicht, als dass es über die Regi­on Ein­fluss auf Wäh­ler­ver­hal­ten hat.

          Wer hier vor allem mehr den­ken soll­te, las­se ich jetzt mal offen.

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