5. Akt: Der Deal des Ehrenbürgers

Die Ehren­bür­ger-Gale­rie im Rat­haus-Trep­pen­haus. Links das Por­trät von Erich Men­ger, heu­te auch Ehren­mit­glied der Oppen­hei­mer SPD. Er war Amts­vor­gän­ger von Mar­cus Held, den er mal als sei­nen Freund bezeich­ne­te.

Ein Schandfleck, eine Schande

Wenn das der alte Gra­din­ger wüss­te! Doch der kann nichts mehr sagen, sich nicht weh­ren und auch nichts erklä­ren, er ist schon tot: Hoch­be­tagt ver­starb der Möbel-Unter­neh­mer und Ehren­bür­ger der Stadt Oppen­heim Mit­te letz­ten Jah­res, 81 Jah­re alt war er gewor­den. Noch kurz zuvor hat­te der umtrie­bi­ge Kauf­mann ein ziem­lich gutes Geschäft gemacht: Er konn­te sein klot­zi­ges und völ­lig ver­fal­le­nes Lager­haus am Kautz­brun­nen­weg ver­kau­fen. Die Stadt Oppen­heim erwarb das 3156 Qua­drat­me­ter gro­ße Grund­stück samt Rie­sen­rui­ne für teu­res Geld. „Damit ist der Weg frei für die Besei­ti­gung des ‚Pro­blem-Bären’ unter den Oppen­hei­mern“, jubi­lier­te die Lokal­zei­tung „All­ge­mei­ne Zei­tung“. Und sie zitier­te Stadt­bür­ger­meis­ter Mar­cus Held: „Der Schand­fleck kommt weg, die Vor­stadt wird eine rich­ti­ge Auf­wer­tung erfah­ren und es bleibt kein dau­er­haf­ter Leer­stand.“

Mag ja sein. Aber mit Besei­ti­gung des „Schand­flecks“ wur­de der Stadt zugleich eine poli­ti­sche Schan­de ange­tan, die weit­aus mehr schmerzt als der Anblick einer her­un­ter­ge­kom­me­nen Möbel­haus-Bruch­bu­de. Par­tei­en­geklün­gel, alte Seil­schaf­ten, ganz viel Geld – das sind die Ingre­di­en­zi­en in die­sem Skan­dal, der ein ver­nich­ten­des Bild von der poli­ti­schen Kul­tur in der Wein- und Fest­spiel­stadt zeich­net. Und wie­der ist mit dabei, in vor­ders­ter Front: der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, Stadt­bür­ger­meis­ter, SPD-Genos­se und loka­le Mul­ti-Funk­tio­när Mar­cus Held, bes­tens bekannt sei­ner­zeit – angeb­lich sogar befreun­det – mit Horst Gra­din­ger.

Sein letztes Geschäft

Zum Ver­ständ­nis müs­sen wir kurz die Vor­ge­schich­te erzäh­len: Horst Gra­din­ger war über sei­nen Möbel­han­del zu Reich­tum und auch loka­len Ruhm gekom­men. In einer ehe­ma­li­gen Muni­ti­ons­fa­brik, die spä­ter als Gar­di­nen­we­be­rei genutzt wur­de, rich­te­te er ein Möbel­haus ein – unweit der B 9. Eine Super-Lage, sehr gut fürs Geschäft. Spä­ter folg­te ein zwei­ter Laden ganz in der Nähe, dann noch ein Küchen­stu­dio.

Unstrei­tig hat Gra­din­ger neben all sei­ner Geschäfts­tüch­tig­keit auch eini­ges für die Stadt getan, und die dank­te es ihm mit vie­ler­lei Ehrun­gen. Und schließ­lich auch noch, kurz vor Ende sei­nes Lebens, mit der Bereit­schaft, ihm sein altes, unnüt­zes, nur noch unschö­nes Möbel-Lager­haus abzu­kau­fen.

Und hier beginnt die Geschich­te, wir kön­nen ja ganz offen reden: zu stin­ken. Gra­din­ger woll­te ver­kau­fen, die Stadt woll­te dort Woh­nun­gen bau­en – es pass­te alles zusam­men. Man hät­te sich nur an einen Tisch set­zen müs­sen und das Geschäft machen kön­nen. 580.000 Euro – so viel woll­te der alte Gra­din­ger am Ende haben.

Die Doku­men­te zum Fall Gra­din­ger
Mit Sicht- und Staub­pla­nen hat­te die Abbruch­fir­ma vor weni­gen Wochen das Gra­din­ger-Grund­stück abge­grenzt.
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Ob der Preis gerecht­fer­tigt war? Das las­sen wir mal offen, das soll hier nicht hin­ter­fragt wer­den. Es pas­sier­te näm­lich etwas, das auch in der Rück­schau, man kann’s Dre­hen und Wen­den wie man will, in kei­ner Wei­se nach­voll­zieh­bar wird:

Im Kauf­ver­trag fin­det sich eine Pas­sa­ge, wonach die Stadt als Käu­fe­rin eine Mak­ler­pro­vi­si­on in Höhe von 5,95 Pro­zent des Kauf­prei­ses zah­len soll­te, und zwar an die Fir­ma „frb-Immo­bi­li­en, Regio­nal­bü­ro Bad Kreuz­nach“. Ein Name war im Ver­trag zum Mak­ler­bü­ro ange­ge­ben: Ina Men­ger.

Eine Mak­ler-Pro­vi­si­on für die­ses schnel­le Geschäft zwi­schen Gra­din­ger und Stadt? Und dann für einen Mak­ler, den unstrei­tig der Ver­käu­fer beauf­tragt hat­te? Macht doch alles über­haupt kei­nen Sinn!

Ex-Stadtbürgermeister als Makler

Noch dubio­ser wird es, wenn man die han­deln­den Per­so­nen genau­er betrach­tet: Mak­le­rin Ina Men­ger – das ist die Ehe­frau von Erich Men­ger. Und Erich Men­ger war als Vor­gän­ger von Mar­cus Held von 1989 bis 2004 Stadt­bür­ger­meis­ter von Oppen­heim. Spä­ter wur­de er zum Ehren­bür­ger der Stadt Oppen­heim ernannt. Und zog dann fort, ins knapp 60 Kilo­me­ter ent­fern­te Kur­städt­chen Bad Kreuz­nach, wo sei­ne Frau eine Filia­le im Ver­bund des bun­des­wei­ten Unter­neh­mens „frb-immo­bi­li­en“ auf­mach­te, der Erich Men­ger spä­ter bei­trat. In Oppen­heim heißt es, man habe von die­sem unter­neh­me­ri­schen Enga­ge­ment des Ex-Stadt­bür­ger­meis­ters eigent­lich nie etwas mit­be­kom­men. Bis sein Name beim Gra­din­ger-Deal wie­der auf­tauch­te…

Viel­leicht war alles rech­tens. Viel­leicht hat­te der alte Gra­din­ger sei­nem lang­jäh­ri­gen Kum­pel Men­ger auf die Schnel­le mal was zukom­men las­sen wol­len. Eng ver­bun­den waren die bei­den unstrei­tig: „Helds Amts­vor­gän­ger Erich Men­ger (SPD) pfleg­te bis zuletzt die Freund­schaft mit Gra­din­ger, dem er attes­tiert, mit höchs­tem Arbeits­ein­satz sehr viel für sein Oppen­heim getan zu haben“, notier­te die „All­ge­mei­ne Zei­tung“ in ihrem Nach­ruf zum Tode des Unter­neh­mers.

Ehrenbürger – Zu Lasten der Stadt

Wenn’s so ist, wenn der Horst den Erich in ein Immo­bi­li­en-Geschäft rein­ge­bracht hat, das eigent­lich gar kei­nes Mak­lers bedurf­te, dann hat der Freund dem Freund ein schö­nes Geschäft zuge­schanzt – aller­dings, das muss man auch sagen, zu Las­ten der Stadt Oppen­heim, die einst bei­de Män­ner als ver­dienst­voll und hono­rig ange­se­hen und des­halb mit der Ehren­bür­ger­schaft aus­ge­zeich­net hat­te.

Mar­cus Held, Men­gers Nach­fol­ger im Rat­haus, hat bei die­sem Deal mit­ge­spielt: Er ist am 1. April letz­ten Jah­res in sei­ner Funk­ti­on als Stadt­bür­ger­meis­ter zum ört­li­chen Notar gegan­gen und hat dort im Namen der Stadt Oppen­heim den Ver­trag zum Erwerb des Grund­stücks unter­zeich­net – incl. Mak­ler­klau­sel, die sei­nem Amts­vor­gän­ger exakt 34.510 Euro zuspiel­te. „Selbst­be­die­nung vom Feins­ten“, empör­te sich spä­ter ein Leser­brief­schrei­ber in der Lokal­zei­tung. Da war’s zu spät, der Kauf­ver­trag schon unter Dach und Fach und die Mak­ler­rech­nung, in der als Ansprech­part­ner Frau und Herr Men­ger genannt wer­den, bezahlt.

Es war übri­gens nicht das ers­te Mal, dass Held und Men­ger im Dop­pel­pack agier­ten und sehr unan­ge­nehm in Oppen­heim auf­fie­len. Auf den Online­sei­ten der Rhein-Zei­tung ist noch heu­te ein Arti­kel aus April 2009 mit der Über­schrift „Daten-Skan­dal: Mit Schufa Poli­ti­ker aus­ge­späht“ nach­zu­le­sen. Damals war bekannt gewor­den, dass die gemein­nüt­zi­ge Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaft Oppen­heim (GWG) ver­sucht hat­te, die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se ört­li­cher CDU-Poli­ti­ker aus­zu­for­schen. Chefs der Genos­sen­schaft damals: Erich Men­ger als Vor­stand und Mar­cus Held als Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­ra­tes. Bei­de beteu­er­ten anfangs, mit der skan­da­lö­sen Bespit­ze­lung des poli­ti­schen Geg­ners nichts zu tun zu haben.

Dann aber ermit­tel­te die Staats­an­walt­schaft, und sie fand schnell her­aus: Die Schufa-Abfra­ge war von Men­gers Com­pu­ter abge­schickt wor­den, und zwar über Men­gers Pass­wort geschütz­ten Account. Kla­rer Fall: Men­ger war’s gewe­sen. Er gestand, blieb aber wei­ter unbe­hel­ligt, da ein Aus­for­schen der Oppo­si­ti­on mit­tels Schufa-Abfra­gen viel­leicht poli­tisch eine Schwei­ne­rei, recht­lich jedoch kei­ne Straf­tat ist. Men­ger gab spä­ter sei­nen Pos­ten als GWG-Chef auf, was sein Kum­pel Mar­cus Held umge­hend nutz­te: Er über­nahm.

Die alten Bande

Sol­che Ver­gan­gen­heit, die scheint zu ver­bin­den. Was erklä­ren könn­te, wes­halb der amtie­ren­de Stadt­bür­ger­meis­ter nicht ein­schritt, als sein Amts­vor­gän­ger beim Gra­din­ger-Geschäft die Hand auf­hielt und zu Las­ten „sei­ner“ Stadt schnell Kas­se mach­te. Das könn­te aller­dings, wenn’s ganz dumm läuft, noch unan­ge­nehm für Mar­cus Held enden: Denn noch unbe­ant­wor­tet ist die Fra­ge, ob es dem Stadt­bür­ger­meis­ter über­haupt gestat­tet war, neben dem Kauf­preis an Gra­din­ger auch noch eine hohe Mak­ler-Cour­ta­ge im Namen der Stadt aus­zu­ge­ben.

Beim Kauf des Gra­din­ger-Grund­stücks hat es kei­ne Auto­ri­sie­rung des Stadt­bür­ger­meis­ters zur Bewil­li­gung einer Mak­ler­klau­sel zu Las­ten der Stadt im Kauf­ver­trag gege­ben“, schreibt die Alter­na­ti­ve Lis­te Oppen­heim auf ihrer Home­page. Juris­ten wür­den dazu sagen: „Kom­mu­nal­recht­lich hat der Stadt­rat der Stadt Oppen­heim einen pro­vi­si­ons­pflich­ti­gen Kauf nicht auto­ri­siert.“ Die Auto­ren des Dos­siers, in dem etli­che Fehl­trit­te des amtie­ren­den Stadt­bür­ger­meis­ters und SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten auf­ge­lis­tet wer­den, schrei­ben: Held fal­le damit „im Sin­ne von Para­graf 266 Straf­ge­setz­buch die Ver­let­zung sei­ner Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht gegen­über der Stadt Oppen­heim zur Last“. Damit nicht genug: „Vor dem Hin­ter­grund, dass der Erwerb der Gewer­be­im­mo­bi­lie aus Lan­des­mit­teln geför­dert und die­se mög­li­cher­wei­se zur Bedie­nung des rechts­grund­lo­sen Pro­vi­si­ons­an­spruch ver­wen­det wur­den, kommt auch der Straf­tat­be­stand des Sub­ven­ti­ons­be­tru­ges in Betracht.“

Das sind har­sche Vor­wür­fe, und sie klin­gen schwer­ge­wich­tig genug, um die Auf­sichts­be­hör­den auf­zu­we­cken – zumal die Skan­dal­ge­schich­te um das Gra­din­ger-Grund­stück damit noch nicht zu Ende ist:

Denn es folg­te: der Abbruch der Gra­din­ger-Rui­ne. Und wie­der sorgt das Ver­hal­ten des Stadt­bür­ger­meis­ters dafür, dass sich bei einem eigent­lich ein­fa­chen Geschäfts­vor­gang Merk­wür­dig­kei­ten und Unstim­mig­kei­ten auf­tun, die die Rech­nungs­prü­fer bereits ver­an­lass­ten, einen Fra­gen­ka­ta­log ins Oppen­hei­mer Rat­haus zu schi­cken:

19 Fir­men hat­ten sich um den offen­sicht­lich lukra­ti­ven Auf­trag bewor­ben. Alle Bie­ter wur­den in eine Lis­te ein­ge­tra­gen – bis Mar­cus Held das Papier in die Fin­ger bekam. Der Stadt­bür­ger­meis­ter strich kur­zer­hand zwölf Namen durch, blie­ben sie­ben übrig – jetzt stamm­te das güns­tigs­te Ange­bot von der Fir­ma Wite­ra, die im 30 Kilo­me­ter ent­fern­ten Bür­stadt sitzt. Wite­ra-Chef Micha­el Wit­ha­ke ver­lang­te für den Abriss rund 523.000 Euro und bekam den Zuschlag.

Manipulativer Eingriff?

Kri­ti­sche Beob­ach­ter der Stadt­po­li­tik fra­gen sich, war­um Mar­cus Held bei 19 Fir­men Ange­bo­te ein­hol­te – aber dann nur sie­ben dem Stadt­rat prä­sen­tier­te. „Wur­de mani­pu­la­tiv und ver­ga­be­rechts­wid­rig in das Ver­fah­ren ein­ge­grif­fen?“, lau­tet eine der Fra­gen an das Stadt­ober­haupt. Auch hier hak­te der Rech­nungs­hof bereits nach, er ver­langt Ein­sicht in alle Unter­la­gen. In einem behörd­li­chen Schrei­ben vom 4. April die­ses Jah­res, das dem Rat­haus­chef aus Spey­er zuging, wer­den zwar nur vier Punk­te genannt, aber die haben es in sich. Mar­cus Held soll vor­le­gen:

  • eine Über­sicht zu allen der Stadt ent­stan­de­nen Kos­ten für den Erwer­ber und die Ord­nungs­maß­nah­men (ein­schließ­lich Sach­buch­aus­zü­ge und zuzu­ord­nen­de Zah­lun­gen an beauf­trag­te Unter­neh­men…)
  • ein Ver­merk, dem die Aus­wahl­kri­te­ri­en für die Abriss­ar­bei­ten ent­nom­men wer­den kön­nen und auf des­sen Grund­la­ge nach­voll­zo­gen wer­den kann, wie es zur Aus­wahl der sie­ben in die beschränk­te Aus­schrei­bung ein­be­zo­ge­nen Unter­neh­men kam.
  • Ange­bots­un­ter­la­gen der Unter­neh­men, die an der beschränk­ten Aus­schrei­bung teil­nah­men
  • Nach­trag Nr. 1 zu den Abrech­nungs­un­ter­la­gen der Wite­ra GmbH.

Das Kapi­tel Gra­din­ger, so scheint’s, ist noch lan­ge nicht zu Ende. Mar­cus Held muss auch hier Erklä­run­gen lie­fern und noch jede Men­ge Fra­gen beant­wor­ten.


Marcus Held: Alles korrekt, alles ganz normal


Mar­cus Helds weist alle Ver­däch­ti­gun­gen und Vor­wür­fe zurück: Horst Gra­din­ger („Ja klar, wir kann­ten uns, sehr gut sogar, das ist doch bekannt, er hat mich bei Wahl­kämp­fen unter­stützt“) habe erst einen loka­len Mak­ler enga­giert, der 1,2 Mil­lio­nen ver­langt habe, aber das Grund­stück nicht ver­mit­teln konn­te. Des­halb habe sich Gra­din­ger an sei­nen alten Freund Men­ger gewandt. Held: „Das ist doch nicht ver­bo­ten, oder?“


Erst spä­ter habe die Stadt den Plan gefasst, auf dem Grund­stück preis­güns­ti­ge Woh­nun­gen zu bau­en. Gradinger/Menger hät­ten da bereits ein Ange­bot über 700.000 Euro vor­lie­gen gehabt, und zwar von einem Inves­tor, der die her­un­ter­ge­kom­me­ne Lager­hal­le wei­ter nut­zen woll­te. „Das hät­te nichts geän­dert, der Schand­fleck wäre geblie­ben.“ Er habe des­halb mit Gra­din­ger gespro­chen, der sei auch mit dem Preis run­ter­ge­gan­gen, das habe er dem Stadt­rat vor­ge­tra­gen, und der habe einen Kauf­preis von 620.000 Euro geneh­migt.


Erst beim Notar­ter­min, so die Held­sche Dar­stel­lung wei­ter, habe er im Ver­trag die Mak­ler-Pas­sa­ge gese­hen, wonach die Stadt eine Pro­vi­si­on an Men­ger zah­len soll­te. Da habe er sei­nen Freund Horst gebe­ten, mit dem Preis run­ter­zu­ge­hen, und der habe das akzep­tiert: 580.000 plus 35.000 – „damit sind wir unter den vom Stadt­rat bewil­lig­ten 620.000 Euro geblie­ben“.


Fra­ge an Mar­cus Held: Fin­det er die Ver­si­on wirk­lich glaub­haft, dass angeb­lich ein zuerst beauf­trag­ter Mak­ler über­haupt kei­nen Erfolg hat­te, dass dann ein ande­rer Mak­ler – einer, der weit weg wohnt – sehr vie­le sehr gute Ange­bo­te bekom­men haben will, dass dann die Stadt Plä­ne ent­wi­ckelt und Gra­din­ger plötz­lich nur noch der Stadt ver­kau­fen und dabei auch noch auf sehr viel Geld ver­zich­ten woll­te? Mar­cus Held: „Ja, so war’s, genau so.“


Fra­ge: Wie beur­teilt er, dass bei die­sem Geschäft plötz­lich ein Ex-Bür­ger­meis­ter und Ehren­bür­ger mit­ver­dien­te? Held: Der Gra­din­ger habe den Men­ger enga­giert, „das lag nicht in mei­ner Ent­schei­dung“. Er, Held, habe den Men­ger damals direkt gefragt, ob er wirk­lich eine Cour­ta­ge von der Stadt ver­lan­gen wol­le. Da habe der Men­ger ihm gesagt, das sei das Geschäft sei­ner Frau, und die müs­se es abrech­nen. Außer­dem, so habe er auch gesagt, kön­ne man doch einem Ehren­bür­ger nicht ver­bie­ten, geschäft­lich tätig zu sein.


Mar­cus Held kann auch bei der Auf­trags­ver­ga­be an die Abbruch­fir­ma Wite­ra kei­ne Unkor­rekt­hei­ten erken­nen. Bewer­ber­fir­men hät­ten den Nach­weis erbrin­gen müs­sen, mit der beson­de­ren Lage des Gra­din­ger-Grund­stücks – mit­ten in Wohn­be­bau­ung, alles sehr beengt – fer­tig wer­den zu kön­nen. Des­halb sei­en am Ende nur sie­ben Fir­men übrig geblie­ben, „eine ganz nor­ma­le Sache“.


Dass die Wite­ra GmbH inzwi­schen wei­te­re Kos­ten ein­for­der­te, unter ande­rem mehr als 6000 Euro für die Besei­ti­gung von Tau­ben­kot, der vor­her offen­bar nicht gese­hen wor­den war, kom­men­tiert Held nur kurz: „Das ist nor­mal bei so einem Pro­jekt.“ Und über­haupt: Die Kos­ten wür­den bestimmt wei­ter stei­gen, „ich rech­ne mit 200.000 Euro Mehr­kos­ten.“


All das sei aber gar nicht wei­ter tra­gisch, sagt der Stadt­bür­ger­meis­ter, denn: „Wir haben einen Ver­trag mit der Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaft geschlos­sen, die das Grund­stück von der Stadt kauft – zu einem Preis, der alle Kos­ten der Stadt beinhal­tet.“ Die Stadt, so Mar­cus Held, zah­le am Ende für die­ses Grund­stück nicht einen Cent. Alle, aber auch wirk­lich alle Gra­din­ger-Kos­ten wür­den von der GWG über­nom­men. Deren Vor­stands­vor­sit­zen­der ist bekannt: Mar­cus Held.



Frau Menger: Ehrenbürgerwürde? Was für ein Blödsinn!


Erich Men­ger ist Ehren­bür­ger der Stadt Oppen­heim, sein Bild (rechts) hängt im Rat­haus-Trep­pen­haus. Um Stel­lung­nah­me zum Gra­din­ger-Deal gebe­ten, sag­te er am Tele­fon: Der Gra­din­ger, sein alter Freund, habe mit sei­ner Frau einen Mak­ler­ver­trag gemacht. Alles ord­nungs­ge­mäß, alles recht­mä­ßig. „Ich ver­ste­he die gan­zen Fra­gen nicht!“ Er lebe jetzt in Bad Kreuz­nach, sei­ne Frau habe ein Immo­bi­li­en­bü­ro, dem sei er inzwi­schen bei­ge­tre­ten, „wo ist das Pro­blem?“


Ina Men­ger über­nimmt das Tele­fon. „Wir sind Geschäfts­leu­te“, sagt sie, es klingt sehr reso­lut, „uns ist es völ­lig egal, wo und wel­ches Objekt wir ver­mark­ten.“ Man habe für das Gra­din­ger-Grund­stück über 20 Inter­es­sen­ten gehabt, die sehr viel mehr Geld hät­ten zah­len wol­len. Aber dann habe der Gra­din­ger unbe­dingt an die Stadt ver­kau­fen wol­len.


Fra­ge: Woll­te Gra­din­ger wirk­lich für sehr viel weni­ger Geld ver­kau­fen? Frau Men­ger: Ja, er woll­te das. Aber nur an die Stadt. Auch für weni­ger Geld.


Noch eine Fra­ge: Herr Men­ger und Herr Gra­din­ger, zwei Ehren­bür­ger, machen ein Geschäft, bei dem die Pro­vi­si­on die klam­me Stadt unnö­tig viel Geld kos­tet. Passt ein sol­ches Ver­hal­ten zur Ehren­bür­ger­wür­de? Da wird Frau Men­ger rich­tig laut am Tele­fon: „Ehren­bür­ger­wür­de? Was für ein Blöd­sinn! Ich habe das Objekt ver­kauft. Da hat mein Mann doch nicht gesagt, lass die Fin­ger davon, ich bin Ehren­bür­ger. Die Stadt woll­te kau­fen, wir waren die Mak­ler, im Ver­trag stand, dass die Pro­vi­si­on zu Las­ten des Käu­fers geht: Was soll denn dar­an falsch gewe­sen sein?“


Hier geht’s zum nächs­ten Akt im Oppen­heim-Skan­dal:

Fake-News made in Oppen­heim