Marcus Held: Dankesworte aus dem Schreibautomat

An diesem Sonntag findet der offizielle Neujahrsempfang der Stadt Oppenheim statt. SPD-Stadtbürgermeister Marcus Held lädt ein, er wird sich wie gewohnt spendabel zeigen (Kaffee und Kuchen für alle! Stadt zahlt alles!), und er will auch wieder ehrenamtliche Mitbürger ehren. Jetzt aufgetauchte Schreiben verraten allerdings, dass Dankesworte und Glückwünsche dieses Stadtoberhaupts oftmals nur Blendwerk sind.

Wenn Marcus Held sich bei den ehrenamtlich Tätigen in seiner Stadt bedankt, wähnen sich viele Betroffene wie Zuschauer in einer burlesken Vorstellung: Wissen sie doch inzwischen nur zu gut, dass sich der SPD-Bundespolitiker (aktuelle Abgeordnetenentschädigung: monatlich 9.327 Euro) jeden ehrenamtlichen Handschlag, den er tut, teuer bezahlen ist. Wir haben schon mal aufgezeigt: Als ehrenamtlicher Stadtbürgermeister kassiert er 2.186 Euro pro Monat. Als Badeanstalts-Beauftragter kriegt er bislang 600 Euro obendrauf. Als Kreistagsabgeordneter weitere 200 Euro. Als Mitglied im VG-Rat nochmal 100 Euro…

Für die Vollständigkeit der Aufzählung werden wir keine Garantie übernehmen. Dass Marcus Held „nebenbei“ auch noch Chef der Baufirmen GWG und HGO ist und dafür jeden Monat zusätzlich knapp 1000 Euro bekommt, rundet das Bild ab.

Da ist man gerne Ehrenamtlicher, zumal Marcus Held für das viele Geld ja nicht unbedingt etwas tun muss. Der Landesrechnungshof zum Beispiel stellte fest, dass er als Hallenbad-Beauftragter eigentlich null Leistung bringe. Mit anderen Worten: dass er nur Steuergelder abgreife. Ein schöner Job!

Aber gut reden kann er, das werden die echten Ehrenamtlichen beim städtischen Neujahrsempfang wieder erleben, und viel schreiben tut er auch: Etliche Menschen in und um Oppenheim haben bereits Post von dem SPD-Bundestagsabgeordneten bekommen. Sehr freundlich im Ton, mit geschwungener Handschrift und „Ihr Held“ unterzeichnet.

Wer dachte, ein solches Schreiben lasse auf eine besondere Aufmerksamkeit oder gar Wertschätzung durch den Bundespolitiker schließen, den müssen wir leider enttäuschen. Es handelt sich bei den Briefen um billige Massenware – nachweislich, wie Sie gleich sehen werden, sehr lieblich aus Textbausteinen zusammengesetzt, die vorgeblich per Hand eingetragene Unterschrift wurde am Computer eingefügt.

Einer hat jetzt gegen diese Art der nur scheinbar persönlichen Schreiben protestiert: Hans Bürkle, Betreiber des Hotels „Villa Spiegelberg“ in Nierstein. Held hatte den Mann vor einem Jahr nach dem Niersteiner Neujahrsempfang angeschrieben – jetzt bittet Bürkle den Oppenheimer SPD-Politiker, „Ihre wohl anstehenden Werbeaktivitäten für die kommenden Neujahrsempfänge“ zu überdenken. Und er begründet das auch:

Held hatte den Hotelier über sein Abgeordnetenbüro in der Bundeshauptstadt anschreiben lassen: Den Briefkopf zierte der Bundesadler, als Adresse war „Platz der Republik“ in Berlin angegeben. So fing’s an:

„Sehr geehrte Damen und Herren, der Allgemeinen Zeitung Landskrone konnte ich kürzlich entnehmen, dass Ihr Hotel beim Neujahrsempfang der Stadt Nierstein als Beherbergungsbetrieb des Jahres ausgezeichnet wurden. Dafür möchte ich Ihnen recht herzlich gratulieren und Ihnen meinen Dank und Anerkennung aussprechen.“

Mal abgesehen von dem peinlichen Tippfehler („wurden“), und dass der Dank – wofür eigentlich? – an dieser Stelle deplatziert und nur aufdringlich wirkte:

Bürkle moniert die anonyme Anrede („Sehr geehrte Damen und Herren“), die das Schreiben als Massenpost entlarvt:

„So erstaunte mich, dass Ihr Schreiben aus Berlin kommt; ei – denke ich – etwas bundesweit Wesentliches, vor allem bei dem gewichtigen Adler als Logo auf dem Briefkopf. Bei weiterem Lesen stelle ich fest, dass das Schreiben anscheinend ein Rundbrief an zig andere Preisträger ist, denn mein Name wird nicht in der Anrede genannt. Alleine dieser Punkt wertet den Brief ab.“

Auch der zweite Absatz des Held-Briefes beginnt  etwas konfus, der Bundestagsabgeordnete schrieb an den Hotelier, wir zitieren wortwörtlich:

„Es freut mich sehr, dass Sie Ihre Unterkunft sehr gut in die Region integriert ist.“

Sodann heißt es, er (Held) finde die Barrierefreiheit des Hotels lobenswert, „die es auch älteren oder körperlich beeinträchtigten Menschen ermöglicht, Sie zu besuchen“.

Bürkle geht auf den sprachlichen Lapsus erst gar nicht weiter ein. Er entgegnet kurz und knapp:

„Nicht nett fand ich, dass Sie es besonders lobenswert fanden, wie behindertengerecht bzw. barrierefrei wir seien, denn das stimmt nicht.“

­­­Auf solche Schreiben könne er gerne verzichten, schreibt Bürkle weiter, also auf Schreiben, deren Inhalt nicht stimme und die an viele Kollegen gesandt würden, die sich wie er wunderten, dass solche Briefe aus Berlin kämen statt aus Worms:

„denn Ihr Bundestagsmandat in Berlin hat mit einem kleinen Hotel in Nierstein rein gar nicht zu tun, und die dortigen Mitarbeiter werden auf Steuerzahlerkosten zu Sammelbriefaktionen genutzt, die in Ihrem hiesigen Wahlkreis Ihr Image heben sollen – muss das sein?“

Die freundliche Empfehlung des Unternehmers:

„Ein ähnlicher Brief aus Worms mit sauberem Inhalt, persönlich adressiert und ohne angeberisches Berlinpathos wäre angebrachter.“

Jetzt werden sicher einige Menschen im Wahlkreis noch einmal den Held-Brief etwas genauer betrachten, den sie irgendwann aus Berlin zugeschickt bekommen haben. Sie werden feststellen: Sie haben tatsächlich nur Massenpost bekommen. So liegt uns ein Schreiben vor, das Held im September letzten Jahres an die Ortsverwaltung Pfeddersheim geschickt hatte. Gleich der erste Satz klingt fast wie im Bürkle-Brief:

„Der Wormser Zeitung habe ich entnommen, dass Sie den HelferHerzen Preis für Ihre Initiative „Pfeddersheim heißt Willkommen“ bekommen haben. Dazu möchte ich Ihnen ganz herzlich gratulieren.“

Im Jahr davor hatte Marcus Held als SPD-Bundestagsabgeordneter an Wilmut Gehm als Vorsitzenden des Kreisfeuerwehrverbandes Alzey-Worms geschrieben. Der erste Satz lautete:

Der Allgemeinen Zeitung Alzey habe ich entnommen, dass Ihr Kreisfeuerwehrverband beim Feuerwehr-Fitnessabzeichen (DFFA), welches durch die Unfallkasse ins Leben gerufen wurde, vom 36 Teilnehmern den 2.Platz belegt hat. Dazu möchte ich… “

Jeder Held-Brief umfasst genau drei Absätze. Erster Absatz: Bezug auf einen Zeitungsartikel und wahlweise Dank, Gratulation oder Glückwunsch, gerne auch eine Mischung von allem.

Der zweite Absatz geht auf den Grund des Schreibens ein, ziemlich allgemein und unpersönlich: Da steht zusammengefasst drin, was man so an Informationen aus einem Zeitungsartikel zusammenklauben kann.

Der dritte Absatz, der letzte, beweist spätestens dann, wenn man zwei Held-Briefe nebeneinander legt, dass Textbausteine lieblos aneinandergereiht werden. Bürkle bekam zum Beispiel zu lesen:

„Als Vertreter unserer Region südliches Rheinhessen im Bundestag stehe ich jederzeit für Ihre Fragen Probleme oder Kritik bereit. Egal was Ihnen auf dem Herzen liegt … bitte kontaktieren Sie mich, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann.“

An die Feuerwehrmänner des Kreisfeuerwehrverbandes Alzey-Worms schrieb Held diesen Satz:

„Als Vertreter unserer Region südliches Rheinhessen im Bundestag stehe ich jederzeit für Ihre Fragen Probleme oder Kritik bereit. Egal was Ihnen auf dem Herzen liegt … bitte kontaktieren Sie mich, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann.“

Wir sehen: Beiden Sätze, zwischen denen immerhin zwei Jahre liegen, sind absolut identisch. Wort für Wort. Wie oft wurden sie wohl geschrieben? Copy & paste – massenhaft, lieblos, beliebig. Darunter „Ihr Held“, eindeutig aus dem Unterschriften-Automat. Geht ganz schnell: Reines Blendwerk.

Engagiertes Ehrenamt hätte sicherlich etwas mehr ehrliche Hinwendung verdient, gerade von einem Stadtbürgermeister. Auch wenn der dafür nicht extra bezahlt wird.

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