4. Akt: Frau S. trifft Spendierhose

Das Stadt­pan­ora­ma immer im Blick: Hier baut Fami­lie S. ein Büro- und Geschäfts­haus – mit groß­zü­gi­ger För­de­rung aus der Stadt­kas­se dank Mar­cus Held.

Ein Geschenk auf Kosten der Stadt

Wir müs­sen jetzt mal über Frau S. reden. Zuge­ge­ben, auf den ers­ten Blick drängt sich das nicht auf, Frau S., 52 Jah­re alt und ver­hei­ra­tet, lebt rela­tiv unauf­fäl­lig in Dien­heim, einem Nach­bar­dörf­chen von Oppen­heim, und sie ist zeit­le­bens eigent­lich noch nie in den Schlag­zei­len gewe­sen.

Doch das, was Frau S. eines Tages in Oppen­heim wider­fah­ren ist – wider­fah­ren im posi­ti­ven Sin­ne, wohl­ge­merkt! –, ist der­art unge­wöhn­lich und bemer­kens­wert, dass es nicht län­ger ver­schwie­gen wer­den darf: Frau S. hat näm­lich klamm­heim­lich ein unge­mein groß­her­zi­ges Geschenk von der Stadt Oppen­heim bekom­men. Das Geschenk hat, wirk­lich wahr, fünf­stel­li­gen Wert!

Der gro­ße Gön­ner von Frau S., ihr wah­rer Wohl­tä­ter sozu­sa­gen, ist in der Stadt Oppen­heim, so sagt man ja wohl, „bekannt wie ein bun­ter Hund“. Das ist Mar­cus Held. Der Stadt­bür­ger­meis­ter.

Wie alles anfing, wie Frau S. und der Herr Held (oder umge­kehrt) zusam­men­fan­den, das muss hier offen blei­ben. Fest steht: Sie kamen übers Bau­ge­biet Krä­mer­eck-Süd zuein­an­der. Und mach­ten dann ein rich­tig tol­les Geschäft – toll für Frau S., ver­steht sich. Dass die Stadt am Ende etwas bedröp­pelt dastand, hat offen­bar weder Frau S. noch Herrn Held näher inter­es­siert (wenigs­tens wur­de bis­her nichts ande­res bekannt).

15.000 Euro vom Stadtbürgermeister

Und so fing’s an: Der Ehe­mann von Frau S., Herr S., betreibt im Nach­bar­ört­chen ein klei­nes Auto­haus, er will wohl expan­die­ren, jeden­falls mel­de­te sich sei­ne Frau bei der Stadt Oppen­heim, als im Krä­mer­eck-Süd ein Gewer­be­grund­stück zu ver­ge­ben war. 140 Euro pro Qua­drat­me­ter soll­te es kos­ten, das hat­te der Stadt­rat so fest­ge­legt, und das war schon ein net­tes Ange­bot, denn sol­che Bau­plät­ze im Gewer­be­ge­biet kön­nen auch schon mal eini­ges mehr kos­ten.

Ein 1500 Qua­drat­me­ter gro­ßes Grund­stück wur­de Frau S. offe­riert, so hieß es anfangs, Mar­cus Held erzählt eine etwas ande­re Ver­si­on (sie­he unten), aber das ändert nichts: Frau S. kauf­te das Bau­land nicht zu den stadt­rät­lich fest­ge­leg­ten 140 Euro. Son­dern, jetzt kommt’s: Frau S. muss­te nur 130 Euro pro Qua­drat­me­ter zah­len. Macht mal eben eine Erspar­nis von 15.000 Euro.

Mar­cus Held, als Stadt­bür­ger­meis­ter für sol­che Geschen­ke zuständig/verantwortlich, hat­te auch in Fol­ge immer dann, wenn er Frau S. zum The­ma Grund­stücks­kauf begeg­ne­te, sei­ne Spen­dier­ho­se an. Es gibt noch ein wei­te­res Bei­spiel:

Direkt neben dem neu­en Grund­stück von Frau S. lag eine Flä­che von 307 Qua­drat­me­ter brach. Dazu gibt es zwei Ver­sio­nen: Nach der einen sei das Grund­stück beim exak­ten Nach­mes­sen aller Grund­stücks­gren­zen übrig geblie­ben, was nicht völ­lig abwe­gig ist, so etwas pas­siert schon mal, wenn aus bil­li­gem Acker­land wert­vol­le Bau­grund­stü­cke wer­den. Im Kauf­ver­trag wird des­halb aus­drück­lich ver­merkt: Abwei­chun­gen von der ver­ein­bar­ten Qua­drat­me­ter­zahl müs­sen nach­be­rech­net wer­den, nach oben wie nach unten.

Eine ande­re Ver­si­on lau­tet: Die 307 Qua­drat­me­ter wur­den als Not­aus­fahrt für eine in der Nähe geplan­te Poli­zei-Inspek­ti­on benö­tigt. Aber das Vor­ha­ben platz­te; die 307 Qua­drat­me­ter waren plötz­lich stadt­ei­ge­nes Nie­mands­land. Und nun?

…und dazu noch ein Rabatt von 87,5 Prozent

Mar­cus Held hat­te einen Plan, und in sei­ner XXL-Spen­dier­ho­se mach­te er dar­aus ein rich­tig schi­ckes Schnäpp­chen. Frau S. kön­ne die 307 Qua­drat­me­ter kau­fen, so sein Ange­bot, und zwar nicht für 140 Euro pro Qua­drat­me­ter, wie der Stadt­rat fest­ge­legt hat­te, auch nicht für 130 Euro, was den bereits erwähn­ten und gewähr­ten Son­der­kon­di­tio­nen ent­sprä­che. Nein, nur 5000 Euro sol­le sie zah­len, natür­lich nicht pro Qua­drat­me­ter, son­dern ins­ge­samt, für die gan­zen 307 Qua­drat­me­ter. Macht umge­rech­net schlap­pe 16 Euro pro Qua­drat­me­ter. Das bedeu­tet einen Rabatt von 87,5 Pro­zent – wohl­ge­merkt auf den bereits ver­güns­tig­ten Kauf­preis von 130 Euro pro Qua­drat­me­ter.

Die Doku­men­te zum Fall Fami­lie S.
Schö­ner arbei­ten in Krä­mer­eck-Süd: Die­se Aus­sicht aufs Stadt­pan­ora­ma kann Fami­lie S. künf­tig von ihrem güns­ti­gen Gewer­be­grund­stück aus genie­ßen.
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Kei­ne Fra­ge, dass Frau S. bei sol­chen Ange­bo­ten nicht „nein“ sagen konn­te. Bei einem Notar wur­den die Ver­trä­ge von Frau S. und von Stadt­bür­ger­meis­ter Held unter­zeich­net: Erst einer über 195.000 für das eigent­li­che Grund­stück. Dann einer über die Aus­gleichs­zah­lung in Höhe von 5000 Euro für das angren­zen­de Grund­stück. 200.000 Euro für ins­ge­samt 1807 Qua­drat­me­ter Grund und Boden, macht umge­rech­net 110 Euro pro Qua­drat­me­ter.

Unterm Strich lässt sich heu­te leicht aus­rech­nen, welch fet­tes Geschenk Herr Held im Namen der Stadt Oppen­heim an Frau S. über­ge­ben hat: Allein beim Ver­kauf der 307-Qua­drat­me­ter-Par­zel­le spar­te sie 37.980 Euro, errech­ne­te der Rech­nungs­hof. Weil sie für das Haupt­grund­stück nicht den Preis zahl­te, den der Stadt­rat vor­ge­ge­ben hat­te, erhöht sich der Wert des städ­ti­schen Geschenks um wei­te­re 15.000 Euro.

Scha­den für Oppen­heim ins­ge­samt: 52.980 Euro. Damit habe Mar­cus Held sei­ne gegen­über der Stadt bestehen­de Ver­mö­gens­be­tre­ungs­pflicht sträf­lich ver­letzt, heißt es in der anonym kur­sie­ren­den Auf­lis­tung der angeb­li­chen Fehl­trit­te des Stadt­bür­ger­meis­ters. Das sei ein Fall für den Staats­an­walt.

Frau S. hat schon einen Anwalt

Uns lässt natür­lich die Fra­ge nicht los: War­um tut ein Stadt­bür­ger­meis­ter das? War­um zeig­te sich Herr Held der­art groß­zü­gig gegen­über Frau S.?

Am Oppen­hei­mer Par­tei­en-Geklün­gel kann’s in die­sem Fall nicht lie­gen, die Ehe­leu­te S. woh­nen, wie gesagt, im Nach­bar­ort Dien­heim und sind in der Oppen­hei­mer SPD nicht wei­ter auf­ge­taucht. Dass der Sohn der Fami­lie S. bei der Oppen­hei­mer Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaft (Chef: Mar­cus Held) als Hand­wer­ker arbei­tet: Kann eigent­lich auch nicht der Grund sein…

Fra­gen wir doch direkt Herrn und Frau S.: Ver­ra­ten Sie uns doch bit­te, wie kam es zu dem 50.000-Euro-Geschenk von Mar­cus Held?

Da winkt Frau S. gleich ab („Unser Anwalt hat gesagt, wir sol­len nichts sagen.“), und Herr S. zeigt sich ziem­lich genervt: Es sei „eine Unver­schämt­heit“, was die Medi­en alles schrei­ben wür­den, die Nach­barn wür­den schon komisch gucken, nichts von alle­dem sei wahr, und über­haupt – er schaut sei­ne Frau an – „wir sagen jetzt gar nichts mehr“.

Was war da mit dem Mercedes?

Nun denn. Jüngst kam ein ganz böser Ver­dacht auf: Im Herbst 2016 habe sich die Ehe­frau des Stadt­bür­ger­meis­ters bei Herrn S. ein Auto gekauft. Einen Mer­ce­des Vito, die­sen prak­ti­schen Klein­bus für die gan­ze Fami­lie. Auf den Kenn­zei­chen ste­hen die Initia­len des Ehe­paa­res: „MV“ (für Mar­cus und Vere­na), dar­un­ter liegt ein Kenn­zei­chen­ver­stär­ker aus Plas­tik, wie ihn Auto­ver­käu­fer ger­ne anbrin­gen, dar­auf der Schrift­zug des Auto­hau­ses von Herrn S. aus Dien­heim.

Seit­dem wird in Oppen­heim ganz offen spe­ku­liert: Krieg­te die Frau vom Stadt­bür­ger­meis­ter einen ordent­li­chen Preis­nach­lass als Gegen­zug für all die schö­nen Geschen­ke im Krä­mer­eck-Süd?

Ande­rer­seits: Kön­nen ein paar Pro­zen­te beim Auto­kauf wirk­lich Grund für einen 50.000-Euro-Schaden zu Las­ten Oppen­heims sein?

Herr Held bestrei­tet nach­drück­lich, irgend­wel­che Vor­tei­le von Fami­lie S. genos­sen zu haben, und außer­dem: Die Geschich­te des Auto­kaufs sei ganz anders – sie­he unten.

Der Rech­nungs­hof unter­sucht jetzt die Akten, die Mar­cus Held zu die­sem Fall ein­ge­reicht hat. Etli­che Unter­la­gen fehl­ten noch, wur­de im Zwi­schen­be­richt moniert, vie­le Fra­gen muss­ten offen blei­ben. Der Rech­nungs­hof schreibt, er erwar­te jetzt klä­ren­de Ant­wor­ten vom Bür­ger­meis­ter. Mar­cus Held wur­de auf­ge­for­dert, eine „sub­stan­ti­ier­te Stel­lung­nah­me“ vor­zu­le­gen.


Marcus Held: So war das wirklich mit Frau S.


Der Stadt­bür­ger­meis­ter gibt sich im Gespräch offen. „Ich sage Ihnen jetzt, wie das wirk­lich war“, sagt er: Fami­lie S. habe sich für ein Grund­stück inter­es­siert, das gut 1800 Qua­drat­me­tern groß war. Den Kauf­preis hat­te der Stadt­rat vor­ge­ge­ben: 140 Euro pro Qua­drat­me­ter. Zusam­men also 252.000 Euro.


Der Ter­min beim Notar sei bereits geplant gewe­sen, da habe sich die Poli­zei gemel­det: Die woll­te eine Inspek­ti­on in Krä­mer­eck-Süd bau­en, benö­tig­te als Not­aus­fahrt einen Rand­strei­fen des Grund­stücks, das Fami­lie S. zuge­dacht sei. Und damit, so Held, tat sich ein Pro­blem auf: Fami­lie S. habe bereits eine Pla­nung für ein 1800 Qua­drat­me­ter gro­ßes Grund­stück auf­ge­stellt, die nun­mehr not­wen­di­ge Umpla­nung soll­te 8000 Euro kos­ten. „Da habe ich ent­schie­den, den Kauf­preis für die 1500 Qua­drat­me­ter um zehn Euro auf 130 zu redu­zie­ren.“


Fra­ge, Herr Held: Soll­te Fami­lie S. tat­säch­lich vor Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges viel Geld für eine Pla­nung aus­ge­ge­ben haben – was man ja eigent­lich kaum glau­ben mag –, dann hät­te sie doch eigent­lich auch das kauf­män­ni­sche Risi­ko ver­ant­wor­ten müs­sen, oder? Wenn Sie als Stadt­bür­ger­meis­ter dann als Ent­schä­di­gung die 1500 Qua­drat­me­ter für zehn Euro güns­ti­ger abge­ge­ben haben, dann spar­te die Fami­lie 15.000 Euro – wegen angeb­li­cher 8000 Euro Umpla­nungs­kos­ten…


Mar­cus Held, ein wenig nach­denk­lich: „So habe ich das noch nicht gese­hen.“ Aber ande­rer­seits, sagt er dann, habe die Fami­lie ja auch viel Ärger gehabt.


Spä­ter wur­den die Plä­ne für eine neue Poli­zei-Dienst­stel­le ein­ge­stampft, die Not­aus­fahrt war über­flüs­sig, da bekam Fami­lie S. die 307 Qua­drat­me­ter für nur 5000 Euro über­schrie­ben. Eigent­lich hat­te sich die Fami­lie im Haupt­ver­trag ver­pflich­tet, den nor­ma­len Preis pro Qua­drat­me­ter zu zah­len, wenn sich die Grö­ße des Grund­stücks nach­träg­lich ände­re. Jetzt krieg­te sie die 307 Qua­drat­me­ter für nur 5000 Euro – war­um? Im Kauf­ver­trag gibt’s kei­nen Hin­weis auf eine angeb­li­che Wert­lo­sig­keit und eine damit ver­bun­de­ne Abwer­tung der Rand­flä­che…


Die Fami­lie, sagt Held, hat­te inzwi­schen umge­plant, sie brauch­te die 307 Qua­drat­me­ter eigent­lich gar nicht mehr. Das Grund­stück sei inzwi­schen zu einer Rand­flä­che gewor­den, für die es kei­ne Ver­wen­dung gebe. „Und Rand­flä­chen durf­ten laut Stadt­rats­be­schluss auch bil­li­ger abge­ge­ben wer­den.“ Fami­lie S. habe inzwi­schen ange­sichts des gan­zen Ärgers ange­bo­ten, den 5000-Euro-Kauf rück­gän­gig zu machen. Held: „Aber was sol­len wir mit dem Grund­stück machen?“


Dann, Herr Stadt­bür­ger­meis­ter, war da ja auch noch die Sache mit dem Mer­ce­des Vito: Frau Held fährt die­sen schi­cken Fami­li­en­bus, der angeb­lich bei Fami­lie S. gekauft wur­de. Gab es, qua­si als klei­nes Dan­ke­schön für all die städ­ti­sche Groß­zü­gig­keit, nicht doch einen net­ten Rabatt beim Kauf des Autos, wie’s in der Stadt gemun­kelt wird?


Mar­cus Held hat­te das bis­lang abge­strit­ten: Sei­ne Frau habe das Auto zum nor­ma­len Markt­wert gekauft, hat­te er gegen­über Medi­en ange­ge­ben, das könne er auch bele­gen. Jetzt wird er kon­kre­ter:


Einen Rabatt von Fami­lie S. kön­ne es gar nicht gege­ben haben, sagt er, weil sei­ne Frau das Auto gar nicht bei Fami­lie S. gekauft hät­te. „Den Vito hat mei­ne Frau bei einem Händ­ler in Bran­den­burg gekauft“, sagt Held. Sie muss­te damals aller­dings ins Kran­ken­haus, wes­halb der Sohn der Fami­lie S. – der bei der Oppen­hei­mer Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaft arbei­tet (Vor­stand: Mar­cus Held) – das Fahr­zeug abge­holt habe. „Das Fahr­zeug stand dann noch ein paar Tage bei Fami­lie S. Da hat die wohl den Kenn­zei­chen­ver­stär­ker mit ihrem Schrift­zug ange­bracht, aus rei­ner Net­tig­keit“, sagt Held.


War­um er das nicht gleich gesagt habe, dann hät­te es doch gar kein Gere­de gege­ben? „Ich hat­te ein­fach nicht mehr dar­an gedacht. Als ich aber jetzt den Kauf­ver­trag her­aus­such­te, sah ich, dass mei­ne Frau das Auto ja in Bran­den­burg gekauft hat­te.“

Hier geht’s zum nächs­ten Akt im Oppen­heim-Skan­dal:

Der Deal des Ehren­bür­gers